Wer auf Baustellen, in Lagerhallen oder in der Fertigung arbeitet, kommt an Sicherheitsschuhen nicht vorbei. Die Norm EN ISO 20345 regelt, welche Schutzklassen es gibt und was ein Schuh leisten muss, bevor er überhaupt auf den Markt darf. S1P ist dabei eine der am weitesten verbreiteten Klassen – trotzdem wissen viele Träger kaum, was das Kürzel konkret bedeutet.
Was die Norm EN ISO 20345 vorschreibt
Die europäische Norm EN ISO 20345 definiert Mindestanforderungen für alle Sicherheitsschuhe, die in der EU verkauft werden dürfen. Grundlage ist die Basisanforderung SB: eine Stahlkappe oder ein gleichwertiger Zehenschutz, der einem Aufprall von 200 Joule standhält. Das entspricht ungefähr dem Aufprall eines 20-Kilogramm-Gegenstands aus einem Meter Höhe.
Auf dieser Basis bauen dann die Klassen S1 bis S5 auf, jeweils mit zusätzlichen Eigenschaften. Entscheidend für das Alltagsverständnis: Ein höheres Kürzel bedeutet nicht automatisch „besser“. Es bedeutet, dass bestimmte zusätzliche Eigenschaften zertifiziert wurden, die je nach Einsatzbereich nötig oder überflüssig sein können.
S1, S1P, S2, S3: Die Unterschiede im Detail
S1 umfasst neben dem Zehenschutz eine antistatische Eigenschaft, Energieaufnahme im Fersenbereich und eine geschlossene Ferse. S1P fügt dem exakt ein Merkmal hinzu: den Durchtrittschutz. Gemeint ist eine Einlage, die verhindert, dass ein Nagel oder ein spitzes Objekt von unten durch die Sohle dringt. Diese Einlage besteht klassisch aus Stahl, zunehmend aber auch aus Textilverbundwerkstoffen, die leichter sind und keine Wärmebrücke bilden.
S2 entspricht S1, ergänzt um Wasserdichtigkeit im Schaftbereich. S3 kombiniert S2 mit dem Durchtrittschutz aus S1P. Vereinfacht gesagt: Wer auf nassen Untergründen mit Nagelgefahr arbeitet, braucht S3. Wer auf trockenen Böden in der Produktion steht, ist mit S1P oft gut bedient.
Durchtrittschutz: Stahl oder Textil?
Stahleinlagen waren jahrelang Standard. Sie sind günstig, robust und zuverlässig. Der Nachteil: Gewicht und Wärmeleitung. Wer im Winter auf Stahlbeton steht, merkt den Unterschied zu einer Textileinlage deutlich. Moderne Kunststoff- oder Aramid-Einlagen erfüllen die Norm genauso, wiegen aber bis zu 40 Prozent weniger. In der Praxis haben sich beide Varianten etabliert, und die Wahl hängt meist vom persönlichen Komfort und dem Schuhmodell ab.
Wann S1P vorgeschrieben ist und wann nicht
Die Pflicht zur Schutzklasse ergibt sich aus der Gefährdungsbeurteilung des Arbeitgebers, nicht aus einer pauschalen gesetzlichen Vorgabe. Das bedeutet: Es gibt keine deutsche Verordnung, die generell S1P auf Baustellen vorschreibt. Stattdessen muss der Arbeitgeber nach §5 ArbSchG die konkreten Risiken am Arbeitsplatz dokumentieren und daraus die nötige Schutzausrüstung ableiten.
In der Praxis empfehlen Berufsgenossenschaften wie die BG Bau für allgemeine Hochbauarbeiten mindestens S3, weil dort Nässe und Nagel- oder Schraubengefahr zusammenkommen. In trockenen Produktionshallen ohne Nagelrisiko kann S1 ausreichen. S1P liegt dazwischen und wird häufig in Lagerlogistik, leichter Fertigung und Handwerksbetrieben eingesetzt.
Auf was beim Kauf wirklich zu achten ist
Das CE-Zeichen und die Normbezeichnung auf dem Schuh sind Pflicht, reichen aber als Kaufkriterium allein nicht aus. Wer acht oder mehr Stunden täglich in Sicherheitsschuhen steht, sollte auf folgende Punkte achten:
- Leistenlänge und Weite: Sicherheitsschuhe werden oft enger produziert als Freizeitschuhe. Viele Hersteller geben neben der Länge auch eine Weitenangabe an. Ein Schuh in Weite K oder L sitzt für breite Füße deutlich besser als ein Standardmodell.
- Gewicht: Ein Unterschied von 200 Gramm pro Schuh macht über einen Arbeitstag summiert mehrere Kilometer Extragewicht aus. Moderne Modelle liegen unter 500 Gramm pro Schuh.
- Sohlenaufbau: PU/Gummi-Kombinationen sind abriebfester als reine PU-Sohlen. Relevant vor allem auf rauem Betonboden.
- Einlegesohle: Die werksseitig eingebaute Einlage ist oft nur ein Kompromiss. Eine orthopädisch angepasste Einlage kann Fehlstellungen korrigieren und Rückenbeschwerden reduzieren.
- Zertifizierungsland: Nicht jedes CE-Zeichen steht für die gleiche Prüftiefe. Schuhe aus europäischen Prüfinstituten wie TÜV, SGS oder Bureau Veritas werden strenger kontrolliert als Zertifikate aus einigen Drittländern.
Wer gezielt nach zertifizierten Modellen sucht und sich über aktuelle Produktlinien informieren möchte, kann bei spezialisierten Anbietern mehr erfahren und verschiedene Klassen direkt vergleichen.
Pflege und Haltbarkeit
Ein S1P-Schuh, der regelmäßig gereinigt und gepflegt wird, hält deutlich länger als einer, der täglich Schmutz und Feuchtigkeit aufnimmt ohne Gegenmaßnahmen. Lederschafte sollten alle zwei bis drei Wochen mit geeignetem Lederfett behandelt werden. Synthetikoberflächen sind pflegeleichter, aber oft weniger atmungsaktiv.
Die Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik empfiehlt, Sicherheitsschuhe bei intensiver täglicher Nutzung spätestens nach zwölf Monaten zu ersetzen, auch wenn sie optisch noch intakt wirken. Der Durchtrittschutz und die Dämpfungseigenschaften der Sohle degradieren mit der Zeit, ohne dass das von außen erkennbar ist. Bei Bürotätigkeiten mit gelegentlichem Außeneinsatz ist eine längere Nutzungsdauer vertretbar.
Normaktualisierung 2026 und ihre Auswirkungen
Die überarbeitete Fassung der EN ISO 20345 aus dem Jahr 2022 verschärfte unter anderem die Anforderungen an den Rutschhemmwert. Neue Prüfverfahren auf Keramikfliesen mit Natriumlaurylsulfat-Lösung ersetzen die alten Tests auf Stahl und Glycerin. Konkret bedeutet das: Modelle, die nach der alten Norm noch als SR (slip resistant) galten, können unter der neuen Norm schlechter abschneiden. Beim Kauf lohnt es sich, auf das Herstellungsdatum und die referenzierte Normversion zu achten, die im Innenfutter oder auf der Schachtel angegeben sein muss.
Fazit: S1P als Kompromiss zwischen Schutz und Tragekomfort
S1P Sicherheitsschuhe sind keine Einheitslösung für jeden Betrieb, aber für eine breite Palette trockener bis leicht feuchter Arbeitsbereiche gut geeignet. Wer die Normbezeichnungen kennt, die Gefährdungsbeurteilung des eigenen Arbeitsplatzes im Blick hat und beim Kauf nicht nur auf den Preis schaut, trifft eine fundierte Entscheidung. Die beste Schutzausrüstung hilft wenig, wenn sie nach zwei Wochen im Spind liegt, weil sie unbequem ist. Komfort und Schutz schließen sich bei modernen Modellen längst nicht mehr aus.