Hightech in der Zahnmedizin

Wer zum Zahnarzt geht, erwartet in der Regel einen Bohrer, einen Spiegel und vielleicht eine etwas unangenehme Viertelstunde. Was in vielen Praxen inzwischen tatsächlich passiert, hat mit diesem Bild wenig gemein. Intraorale 3D-Scanner, computergestützte Fräsmaschinen, künstliche Intelligenz bei der Röntgenauswertung: Die Zahnmedizin hat sich in den vergangenen zehn Jahren technisch stärker verändert als in den Jahrzehnten davor.

Vom Abdruck zum digitalen Scan

Der klassische Alginatabdruck, bei dem Patienten eine zähflüssige Masse in den Mund bekommen, gehört in modernen Praxen zunehmend der Vergangenheit an. An seine Stelle treten intraorale Scanner, handliche Geräte, die mit Hilfe von Streifenlichtprojektion oder konfokaler Bildgebung binnen Minuten ein präzises digitales 3D-Modell des gesamten Gebisses erstellen. Genauigkeiten von unter 20 Mikrometern sind dabei keine Seltenheit mehr.

Das Modell wird anschließend direkt an zahntechnische Software übergeben. Dort kann der Zahnarzt oder Zahntechniker Kronen, Brücken oder Aligner virtuell konstruieren, bevor auch nur ein Material angefasst wird. Fehler, die früher erst beim Einsetzen einer Krone auffielen, lassen sich am Bildschirm vorher erkennen und korrigieren. Das spart Zeit, Material und dem Patienten einen zweiten Sitzungstermin.

CAD/CAM: Wenn die Fräsmaschine zur Praxisausstattung gehört

Der Begriff CAD/CAM in der Zahnmedizin steht für computergestütztes Konstruieren und Fertigen. Was früher ausschließlich im zahntechnischen Labor stattfand, ist heute in vielen Praxen direkt vor Ort angekommen. Sogenannte Chairside-Systeme erlauben es, eine Keramikkrone in einer einzigen Behandlungssitzung herzustellen: Scan, Design, Fräsung, Politur, Einsetzen. Dauer: etwa zwei Stunden.

Materialien wie Zirkoniumdioxid, Lithiumdisilikat oder hochfeste Komposite werden dabei aus industriell vorgefertigten Blöcken gefräst. Die Passgenauigkeit dieser maschinell gefertigten Restaurationen liegt in klinischen Studien häufig gleichauf mit oder sogar über der manuell hergestellter Alternativen. Für Patienten bedeutet das: weniger Provisorien, weniger Wartezeit, weniger Termine.

Künstliche Intelligenz in der Röntgendiagnostik

Röntgenbilder sind seit über einem Jahrhundert das Standardwerkzeug zur Diagnose von Karies, Knochenabbau oder Wurzelproblemen. Das Ablesen dieser Bilder bleibt Aufgabe des Zahnarztes, aber KI-Systeme übernehmen zunehmend eine assistierende Rolle. Algorithmen, trainiert auf Hunderttausenden von annotierten Aufnahmen, markieren auffällige Bereiche, schätzen Kavitätentiefen ab und liefern Wahrscheinlichkeitswerte für bestimmte Befunde.

Das ersetzt keine Diagnose, reduziert aber die Gefahr, dass eine kleine Läsion auf einem unübersichtlichen Bild übersehen wird. Erste Studien, unter anderem aus dem Umfeld der Charité Berlin, zeigen, dass KI-gestützte Systeme bei der Karieserkennung ähnliche Trefferquoten erreichen wie erfahrene Zahnärzte und in bestimmten Szenarien deren Fehlerrate messbar senken.

Digitale Volumentomographie: 3D statt Flachbild

Wo zweidimensionale Röntgenaufnahmen an Grenzen stoßen, kommt die digitale Volumentomographie ins Spiel. Das DVT-Gerät erzeugt aus einer Umlaufaufnahme ein dreidimensionales Bild von Kieferknochen, Wurzelkanälen und Nachbarstrukturen. Vor allem in der Implantologie, der Kieferorthopädie und bei komplexen Wurzelkanalbehandlungen ist das ein echter Erkenntnisgewinn.

Dabei ist die Strahlendosis beim DVT deutlich geringer als bei einem medizinischen CT-Gerät, was seinen Einsatz in der Zahnarztpraxis rechtfertigt. Zunehmend setzen Zahnärzte darauf, solche Technologien nicht nur als Prestigeobjekt anzuschaffen, sondern gezielt bei komplexen Fällen einzusetzen, wo der diagnostische Mehrwert die Investition rechtfertigt. Praxen wie setzen Zahnärzte darauf, indem sie die DVT-Aufnahme direkt in die digitale Behandlungsplanung integrieren, statt sie isoliert auszuwerten.

3D-Druck: Schienen, Bohrschablonen, Prothesen

Neben der subtraktiven Fertigung durch Fräsen hält auch die additive Fertigung Einzug. 3D-Drucker auf Basis von Stereolithographie oder Digital Light Processing verarbeiten photoempfindliche Kunstharze zu präzisen Objekten. In der Zahnarztpraxis entstehen so Aufbissschienen, chirurgische Bohrschablonen für die Implantatplatzierung oder temporäre Kronen.

Bohrschablonen verdienen dabei besondere Aufmerksamkeit: Sie werden auf Grundlage des DVT-Datensatzes und der digitalen Planung gefertigt und geben dem Chirurgen beim Setzen des Implantats exakt vor, in welchem Winkel und welcher Tiefe der Bohrer ansetzen soll. Die Abweichung vom geplanten Implantatort liegt dabei in der Praxis häufig unter einem Millimeter, was in einem anatomisch beengten Bereich wie dem Unterkiefer erheblich ist.

Regulatorischer Rahmen und Qualitätssicherung

Medizinprodukte, die in der Zahnarztpraxis eingesetzt werden, unterliegen in Deutschland einem klaren regulatorischen Rahmen. Die europäische Medizinprodukteverordnung MDR (EU) 2017/745 hat die Anforderungen an Hersteller und Betreiber seit 2021 erheblich verschärft. Zahntechnische Frässysteme, Scannersoftware und KI-Diagnosetools müssen als Medizinprodukte zertifiziert sein, bevor sie in der Praxis eingesetzt werden dürfen.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ist in Deutschland die zuständige Behörde für die Überwachung dieser Produkte. Wer als Praxisinhaber neue Technologien einführt, muss also nicht nur in Geräte investieren, sondern auch sicherstellen, dass Dokumentation, Einweisung und Qualitätssicherung den gesetzlichen Anforderungen entsprechen.

Was bleibt menschlich?

Bei aller Technik: Die Diagnose liegt weiterhin beim Zahnarzt, die Behandlungsentscheidung ebenso. Scanner erfassen Geometrie, KI markiert Auffälligkeiten, Fräsmaschinen fertigen Restaurationen. Was keines dieser Systeme leistet, ist das Gespräch mit dem Patienten, die Einschätzung von Risikofaktoren aus der Anamnese oder die Entscheidung, ob ein Zahn erhalten oder gezogen werden soll.

Technologie verändert in der Zahnmedizin den Workflow, die Genauigkeit und in vielen Fällen das Behandlungsergebnis messbar. Sie ersetzt aber keine medizinische Expertise, sondern erweitert deren Handlungsspielraum. Das ist im Kern das, was den Begriff „digitale Zahnmedizin“ sinnvoll macht, wenn man ihn nüchtern betrachtet.

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