Hans Kop, der Machtgeile
Tränenerfüllt springe ich von meinem Stuhl auf, springe vom Dach, setze mich ohne Führerschein in das Auto meines Nachbarn und drehe eine Runde um mein kleines Dörfchen. Was ist passiert, dass ich mich in solchen Maßen freue? Ich habe einen Kommentar! Gleich am ersten Tag! Genial, ich kann es immernoch kaum glauben. Das Thema scheint ja richtig vielversprechend zu sein!
Ich setze mich wieder auf meinen Stuhl und lese mir den Kommentar durch. Sofort kommt die Ernüchterung und ich lösche ihn umgehend. Erst später kommt mir ärgerlicherweise der Gedanke, meinem ersten Kommentar des Blogs ( auch wenn ich es nicht mehr beweisen kann – “Ich schwöre übelst alta, isch hatte voll den Comment!” ). Hier der Inhalt frei aus dem Gedächtnis: “Macht wollen wir alle du hans kop.” Inhaltlich dürfte ich es getroffen haben, ich meine aber, er war ein paar Worte länger. Der Kommentar bezog sich auf meinen ersten Artikel.
Nun bin ich nachdenklich geworden. Wollen wir wirklich alle Macht ( und mit Macht spreche ich im Grunde nur die Blogger an – und zwar auch nur in Betracht auf ihren Blog, nicht auf ihr sonstiges soziales Wesen – , sollte mit “wir” die ganze Menschheit gemeint sein, wäre der Kommentar wohl eindeutig sinnentleert.
Nun aber meine Gegenthese: “Nein, wir Blogger wollen keine Macht. Wir wollen Geld.” Inwiefern Geld Macht ist, bleibt jedoch ungeschrieben. Ich glaube aber nicht, dass ein Blogger mit meinetwegen sogar höchst akzeptablen 650€ im Monat die Weltherrschaft an sich reißen kann. Dies ist also eine eher philosophische Frage und wurde von mir deswegen nur sehr grob und konkret beantwortet ( und auch ohne die Übertreibung der Weltherrschaft werden die 650€ bestimmt keine nennenswerte Macht sein ).
Zurück aber zur Frage, ob wir alle Macht haben wollen. Warum nennen sich die “Moneyblogger” dann nicht “Mightblogger” ? Richtig, sie wollen keine Macht! Jedenfalls wird der Wunsch nach Macht nicht im Oberbewusstsein gesteuert sondern höchstens im Unterbewusstsein. Sie alle wollen ihr Budget aufbessern. Jeder will schnell und unkompliziert reich werden, auch wenn die meisten es eher durch Hartnäckigkeit und großen Zeitaufwand schaffen. Was ist mit den anderen Blogs? Computerblogs, Softwareblogs, Musikblogs, Kunstblogs, About-Me-Blogs, Jobblogs und all den anderen ungezählten? Machtgier? Will ein Computerblog wirklich AMD dazu verleiten, seine Produktion einzustellen, um Intel das Machtmonopol zu überlassen? Eher nicht. Viel interessanter ist es für diese Blogs doch Geld für Werbung für die entsprechende Hardware zu kassieren! So könnte ich hier jetzt für jede Blogart Beispiele aufzählen, fast immer würde man zu dem Schluss kommen, dass den Blogbetreibern der Profit am wichtigsten ist.
Nicht ohne Grund habe ich ebend “fast” geschrieben. Politikblogs stechen aus dem Blognetz heraus wie Lamborghini aus einer Reihe VW Polos. Hier gebe ich meinem Kommentator uneingeschränkt Recht. Diese Art von Blogs ist in der Lage mit einem einzigen Artikel die Einstellung eines Menschen drastisch zu verändern ( natürlich nur bei einem Teil der Leser, je bekannter der Politikblog jedoch ist, desto wahrscheinlicher ist die Chance einer solchen erfolgreichen Beeinflussung eines freidenkenden Menschen). Auch andere Blogs wären unter Umständen in der Lage, Macht als solche auf seine Leser auszuwirken. Dies sind ganz einfach: Die oft- und vielbesuchten Blogs. Jeder Blog mit einer riesigen Leserschaft ist in der Lage einen prozentuellen Anteil seiner Leser zu beeinflussen. Aber hier gibt es wieder ein Aber: Kein Blog riskiert es. Jeder hat sein Thema, seine Nische. Wenn John Chow urplötzlich anfangen würde, seine Leserschaft gegen Google, Microsoft aufzuhetzen, oder von ihnen verlangen würde, dass sie alle Arnold Schwarzenneger zum Präsidenten wählen sollten, würde er mit Sicherheit einen großen Teil seiner Leser verlieren, ganz zu schweigen von seiner Position im Internet. Er hat seine Nische, und es fällt ihm wahrscheinlich im Traum nicht ein aus seinem Blog etwas anderes als Profit zu schlagen.
Das alles ist natürlich größtenteils nur meine persönliche Meinung, die ich an manchen Stellen sicherlich auch einfach etwas zu überspitzt darstelle. Ich denke aber dennoch, dass ich mit meiner Argumentation nicht ganz unrecht habe. An den unbekannten Kommentierer hugo möchte ich aber noch ein Wort richten: Den Kommentar hätte ich mit Sicherheit stehen lassen, wäre ich in ihm nicht als hans kop tituliert worden. Natürlich ist das keine ernsthafte Beleidigung und später werde ich darüber bestimmt hinwegsehen, aber mein erster Kommentar soll dann doch etwas schöner sein.


